Dienstag, 23. Juli 2013

Rezension / Fürchtet euch (Wiley Cash)

Über die Leseprobe bzw. eine Lese-/Diskussionsrunde bin ich auf „Fürchtet euch“ von Wiley Cash aufmerksam geworden.

Die Leseprobe, ein erster Eindruck zum Roman, hat mir auf der Stelle Gänsehaut und Wutgefühle zugleich beschert (1. Teil aus dem 1. Kapitel).



Klappentext: 

In Marshall, einem abgeschiedenen Ort in den Bergen North Carolinas, geschieht an einem heißen Sommertag das Unfassbare. Der dreizehnjährige Christopher Hall kommt während der Abendmesse ums Leben. Der Junge hat noch nie ein Wort gesprochen. Deshalb sollte er an diesem Sonntag in der Kirche »geheilt« werden.
Niemand aus der Gemeinde will sich zum Tod des Jungen äußern. Auch der charismatische Prediger Carson Chambliss, der selbsternannte Erlöser im Ort, schweigt zu dem Vorfall.
Was jedoch keiner in Marshall ahnt: Christophers jüngerer Bruder Jess hat das Geschehen in der Kirche an dem Tag, als sein Bruder starb, von außen beobachtet. Und Jess weiß, was er gesehen hat. Er weiß auch, was Christopher und er nur wenige Tage zuvor in ihrem Elternhaus gesehen haben. Als Jess sein Wissen teilt, spitzt sich die Situation zu, und es kommt zur Katastrophe.

Meine Meinung: 

Eine kleiner Ort in den Bergen North Carolinas, eine geheimnisvolle, evangelikale Gemeinde mit einem unheimlichen, charismatischen Pastor, ein Mord…einzelne, packende Themen, die in Kombination noch viel explosiver wirken.

Das Cover des Buches passt hervorragend zu dieser subtilen Thematik (Aufeinanderprallen von Gut und Böse, Vertrauen und Gefahr,…)

Insbesondere die Beschreibung der Gemeinde von Pastor Chambliss hat mein Interesse an diesem Buch geweckt, da ich mich als überzeugte Christin für Gemeindeformen und auch für die Gefahr, die von manipulativen Leitern ausgeht, interessiere.

Eine Gemeinde, wie sie hier in der Leseprobe beschrieben wird, gehört meiner Meinung nach EINDEUTIG zu den schwarzen Schafen - und leider gibt es sie tatsächlich und sind keine Erfindung des Autors.
Gottes Wort wird vom Gemeindeleiter zu dubiosen Zwecken missbraucht. So Etwas "beschmutzt" die Christenheit im Allgemeinen, was sehr schade ist.
Daher war ich (unter anderem!) äußerst gespannt, wie Wiley Cash zu diesem Thema weiter Stellung nimmt, insbesondere ob er indirekt alle in einen Topf wirft.

Aber leider ist schon der erste Teil des Buches mit verwirrenden Zeitsprüngen übersäht. Grundsätzlich entstehen dadurch keine Verständnisprobleme, aber mir fiel es aufgrund dieser Tatsache schwer, richtig in die Geschichte einzutauchen.
Erst befinden wir uns zeitlich nach dem zentralen Ereignis (Mord), dann plötzlich davor, dann hier und da verstreut Rückblenden. Und diese Rückblenden haben im Nachhinein gesehen weder zur Haupthandlung beigetragen, noch dazu geführt, dass man das Handeln der einzelnen Charaktere besser versteht.

Jetzt möchte ich aber einen positiven Aspekt zum Schreibstil einschieben, bevor ich mit meiner negativen Kritik fortfahre:
Der unterschiedliche Umgang der Charaktere mit dem Thema „Tod“ wird hier sehr schön herausgearbeitet. Einzelne Szenen und Gedanken lassen einen beklemmt oder zutiefst traurig zurück. Das Thema kommt beim Lesen plötzlich greifbar nah.

Alles schön und gut…aber ich habe mich während des Lesens einfach gefragt: „Wann wird der berühmte Spannungsbogen endlich gespannt??“
Von einem guten Buch, sei es nun dem Genre Krimi/ Thriller oder Drama zuzuordnen, erwarte ich nun mal eine gewisse Spannung bzw. Geschwindigkeit. Aber das Buch nahm auch nach ¾ keine Fahrt auf - und auch auf mein Überraschungsmoment wartete ich vergebens. 
Informationen (zur Handlung an sich) fließen sehr einseitig oder spärlich ein und man hat kaum die Möglichkeit, selber mitzurätseln. Und ich wollte unter anderem rätseln; das war meine Erwartungshaltung an das Buch!

Die Geschichte war einerseits spärlich mit Informationen bestückt – andererseits voll Metaphern und Bildern. Ich wurde beim Lesen fast verrückt! Natürlich muss man nicht alles verstehen…aber letzten Endes wird der Leser hier mit vielen offenen Fragen zurückgelassen, obwohl die Haupthandlung an sich völlig banal ist.
Die Geschichte hätte an so vielen Stellen eine interessante Wendung nehmen können (ich hätte selbst grandiose Ideen gehabt) – Aber irgendwie ist NICHTS passiert!

Genau betrachtet macht kaum ein Charakter eine wirkliche Entwicklung durch:
Der Antiheld bleibt der unsympathische Antiheld ohne liebenswürdige Seiten, die Naive bleibt naiv und die Perfekte bleibt perfekt. Das Ende ist genau so, wie es schon im 3. Kapitel den Anschein macht. Was für eine Enttäuschung!

Auf den ersten Blick hatte das Buch für mich also folgende Prämisse: "Ein Unglück kommt selten allein" - oder eher: "Auch aus dem größten Unglück kann etwas Gutes entstehen!"
Aber als so banal schätze ich den Autor dann doch nicht ein...

Die für MICH wichtigste Botschaft des Buches war eindeutig:
Es gibt gute "gottlose" Menschen sowie schlechte "gottesfürchtige" Menschen. Letztendlich ist es nicht an uns zu urteilen, sondern an Gott! Und das sehe ich auch als Statement des Autors zum Thema Glaube. Er zeichnet in seinem Buch eine fehlgeleitete Gemeinde – erwähnt aber zum Schluss, dass es auch anders geht. Das hat mir sehr gefallen.

Fazit:
 
Für jemanden, der auf detaillierte Szenen- und Gefühlsbeschreibungen steht, bzw. am Ende gerne mit 1.000 Fragezeichen im Kopf zurückbleibt und eine komplett eigene Interpretation für das Buch basteln möchte, ist „Fürchtet euch“ auf alle Fälle etwas! Wer auf Überraschungsmomente steht und gerne mit festem Griff durch die Geschichte geführt wird, sollte besser die Finger davon lassen.
Aufgrund einiger wirklich einfühlsamer Passagen, die einen fast zu Tränen rühren, vergebe ich trotzdem noch 2 Sterne.


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