Montag, 11. November 2013

Rezension / Das Verschwiegene (Linn Ullmann)

Über die Zeitschrift "Bücher" bin ich auf "Das Verschwiegene" aufmerksam geworden und habe es mir dann von meinem lieben Mann zum Geburtstag im August schenken lassen.

Klappentext:

Jede Familie hat ihre Geheimnisse …
… aber manchmal entwickelt das Verschweigen eine zerstörerische Kraft.

In einer norwegischen Küstenstadt findet in einer nebligen Julinacht eine große Party statt. Jenny Brodal wird 75, und ihre Tochter Siri hat gegen den Willen ihrer Mutter ein Fest organisiert. Die weiße Holzvilla auf einer Anhöhe leuchtet in die Nacht, während die Gäste eintreffen und Jenny in ihrem Zimmer sitzt und nach zwanzigjähriger Abstinenz wieder zu trinken beginnt …

Wie jedes Jahr verbringen Siri, die in Oslo und an der Küste ein Restaurant führt, und ihr Mann Jon den Sommer hier, nur haben sie diesmal ein Kindermädchen für ihre beiden Töchter engagiert, weil Jon keine Zeit hat, sich um Liv und Alma zu kümmern: Er ist Schriftsteller und muss endlich sein überfälliges neues Buch abschließen. Mille, das Kindermädchen, ist 19 Jahre alt und hat vor, in diesem Sommer eine andere zu werden. Doch dann verschwindet Mille spurlos in dieser Nacht. Jeder aus der Familie hatte eine eigene Beziehung zu Mille, die er vor den anderen verbirgt. Ihr rätselhaftes Verschwinden rührt aber auch andere, tiefe Gefühle auf, nie vergessene Verletzungen, nie gelebte Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten. Behutsam dringt Linn Ullmann in die Geschichte ihrer Figuren vor, trägt Schicht um Schicht der Fassade ab, bis wir ihnen so nahe kommen, dass wir verstehen, warum sie lügen und Alpträume haben, warum sie feige sind oder gemein. Sie bringt sie uns so nahe, dass wir uns selbst in ihnen erkennen.

Meine Meinung:

Ich habe dieses Buch einerseits fasziniert und bedrückt, andererseits etwas ratlos zur Seite gelegt.

Aber ich wusste sofort zu Beginn: es handelt sich um ein ansprechendes und intelligentes Buch, das meine ganze Aufmerksamkeit verlangen wird. "Harte Kost", sozusagen. Ein Buch, das in menschliche Abgründe eintaucht.
Keiner der vorgestellten Charaktere scheint "normal" zu sein - aber was ist schon normal? Wie definiere ICH normal? Das Buch zwingt einen, sich für das Wesen anderer zu öffnen und Emphatie zu lernen.

Schwierig war für mich zu Anfang auch der Schreibstil:
Schachtelsätze, wohin das Auge reicht. Der längste, den ich entdecken konnte, ging über eine ganze Buchseite. Und doch gelingt es der Autorin dabei, den Leser in diesen Satz zu verstricken und den Satz völlig verständlich zu machen. Wir haben es hier mit einem ganz besonderen Stilmittel der Autorin zu tun. Die vielen, vielen Gedanken der Charaktere verirren sich nämlich in diesen langen, manchmal unsortierten Sätzen - und zwar ganz leise und NUR in Gedanken. Die direkte Rede fällt eher karg aus.

Linn Ullmanns Thema in diesem Buch ist die Kraft der Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere im engen Familienkreis. Und was es für Konsequenzen nach sich zieht, wenn zwei Menschen ihre Gedanken nicht so teilen, wie es gesund für ihre Beziehung wäre.

Gefallen hat mir der Kontrast zwischen dieser ländlichen, norwegischen Idylle (und dem nach außen hin geordneten, ruhigen Leben, das die Bewohner in dieser Idylle führen) und der Getriebenheit, der Unsicherheit und der Unruhe, die die meisten der vorgestellen Personen ganz tief in ihrem Inneren plagt.

Die aktuellen Ereignisse und Rückblenden werden immer wieder aus einer anderen Perspektive aufgerollt:
Aus Sicht der unterkühlten, kontrollierten Mutter und Ehefrau. Aus Sicht des untreuen Ehemanns, der auch sonst wenig Disziplin an den Tag legt. Aus Sicht der rebellischen Tochter. Aus Sicht der resignierten Großmutter. Immer wieder wird der Versuch gestartet, Ordnung in das undefinierbare Chaos ihrer Gedanken zu bringen. Ganz alleine, aneinander vorbei. Vorbei an Schicksalsschlägen. Vorbei an Schuldgefühlen. Man kommt als Leser nicht umhin, Mitgefühl zu entwickeln - seien die Gedanken und Taten der Charaktere noch so verwerflich.

Der Mord an Mille, dem Kindermädchen der Familie, ist in gewisser Weise das zentrale Ereignis - und ist doch nicht der KERN der Geschichte. Anlässlich ihres Todes wird den Nahestehenden klar, was in ihrem Leben TOT ist, bzw. am sterben ist. Und für den Leser ist es wie ein Unfall: er muss einfach geschockt hinsehen. Doch die Protagonisten verschließen weiter die Augen, wo sie nur können - und man möchte sie am liebsten wachrütteln. 

Der Schluss ist sehr offen, bringt aber Hoffnung darauf, dass die Geschichte der Beteiligten, auch wenn sie nicht weitergeschrieben wurde, zu einem guten Ende führt. Und von daher war das Ende in gewisser Hinsicht befriedigend.

Fazit: 

Das Buch ist nicht nur für Menschen geschrieben, die sich für Psychologie oder komplizierte Familienbindungen interessieren. Es ist auch für Menschen geschrieben, die etwas über eine zwischenmenschliche Grundregel lernen möchten: und zwar der, dass man Menschen, die man liebt, auch manchmal mit Ehrlichkeit verletzen muss.

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