Dienstag, 21. Januar 2014

Rezension / Das größere Wunder (Thomas Glavinic)

"Das größere Wunder" habe ich auf einer Buchvorstellung in unserem Buchcafé kennengelernt. Es war eines von 10 Büchern, aber mir war schnell klar: DAS muss mit.

Klappentext:

"Er dachte an all die Momente, in denen er feierte, in denen er Angst hatte, in denen er lachte, in denen er allein war und reiste, im Auto, im Bus, in Hunderten Zügen, in Tausenden Flugzeugen, auf der Suche nach dem einzigen, für das es wert war zu leben: der Liebe."

Jonas wächst bei seinem besten Freund Werner auf, dessen Familie in allerlei dubiose Machenschaften verwickelt ist. Später fängt er an, die Welt zu durchwandern, rastlos fährt er von einer Stadt in die nächste, kauft eine heruntergekommene Wohnung in Rom, lässt sich ein fünfstöckiges Baumhaus bauen und eine ganze Insel einrichten. Bis er eines Tages Marie trifft.

Meine Meinung:

Ich glaube es handelt sich wieder um eines dieser Bücher, denen ich mit meiner Rezension kaum gerecht werden kann. Es fällt mir schwer, die Handlung bzw. die Grundaussage treffend wiederzugeben, da sich vieles irgendwo in meinem Unterbewusstsein festgesetzt hat. Sprich: man muss das Buch einfach selbst gelesen haben. Trotzdem will ich es versuchen.

Es ist die Geschichte von Jonas - einem hochintelligenten, feinfühligen Jungen / Mann mit einer außergewöhnlichen Kindheit und Jugend. In Rückblenden erfahren wir, wie es dazu kommt, dass er mit seinem geistig behinderten Zwillingsbruder bei seinem Freund Werner unterkommt und großgezogen wird - und zwar nicht von dessen Eltern, sondern von seinem sonderbaren Großvater Picco. Der wohlhabende Mann glaubt nicht an höhere Mächte, in jeder Hinsicht, und vertritt seine ganz eigene Moral. Diese fließt natürlich auch in seine Erziehung: Die Kinder dürfen sich ausprobieren, ohne gewöhnliche Grenzen gesetzt zu bekommen, werden von Privatlehrern unterrichten und sollen insbesondere lernen was es heißt, die Angst vor Menschen und dem Leben zu verlieren. Picco hält Selbstjustiz für ein völlig probates Mittel, um im Leben Frieden zu finden. Das muss man als Leser wohl nicht gutheißen; meiner Meinung nach wird sein Charakter hier etwas überspitzt dargestellt. Auch Jonas ringt in diesem Punkt mit sich selbst, da er auf "Leben erhalten" gepolt ist. Trotz der etwas ungewöhnlichen Umstände erlebt Jonas eine behütete Kindheit, die ihn glücklich macht.

Als Jonas dann aber nahezu alles verliert, was ihm lieb und teuer ist, bereist er die Welt, testet seine Grenzen aus, sucht nach sich selbst und dem Sinn in Raum und Zeit. Diese Freiheit ist ihm scheinbar nur deshalb gegeben, weil er über unendlich viel Geld verfügt. Interessant ist aber, dass für Jonas das Vermögen nur Nebensache ist - er steigt nicht nur in Luxusunterkünften ab, sondern sucht auch die Armut und das Elend, um darin etwas zu spüren. Er tut insbesondere nichts, um aufzufallen und sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, sondern folgt einfach nur seinem inneren Instinkt. Es geht also nicht nur um eine Freiheit, die man sich mit Geld erkaufen kann, sondern um die Freiheit, seinen Weg zu gehen, ohne sich von Zweifeln und Angst beeindrucken zu lassen. Auf seiner Suche lernt er Marie kennen, die ihn "fühlt" und liebt, wie er ist. Ab diesem Moment scheint es, als habe seine Rastlosigkeit ein Ende.

Im zweiten Erzählstrang, der die Gegenwart behandelt, besteigen wir mit Jonas (der sich aus nicht bekannten Gründen von Marie getrennt hat) den Mount Everest. Wo am Anfang die Handlung noch ein wenig vor sich hinplätschert, wird es zum Schluss hin äußerst spannend: man fiebert mit, läuft mit, philosophiert mit, friert mit, kämpft mit. Es bleibt die Frage: wird er nach dieser, für ihn notwendigen, Grenzerfahrung wieder zu seiner Liebe Marie zurückfinden?

Für mich war die eingeflochtene Liebesgeschichte eigentlich nur zweitrangig. Jonas hat vielleicht die Antwort in der Liebe gefunden, aber meiner Meinung nach steckt in uns allen eine Gottessehnsucht, die in die Ewigkeit führt und nicht mit dem Leben endet.

Das Ende habe ich sehr genossen, bzw. den letzten Satz, der eine gewisse Botschaft auf den Punkt bringt. 

Glavinics Schreibstil ist schlichtweg fesselnd. Er spielt mit sprachlichen Mitteln, wie z.B. Wortwiederholungen, unendlich langen Schachtelsätzen, einzeln gestreuten Worten. Man findet eigene Gedankengänge wieder, die sich um das Leben und den Tod drehen - abgedruckt direkt vor Augen.

Fazit: 

Es ist eigentlich der blanke Hohn, dass ich dieses Buch kurzfristig aus der Hand gelegt habe, um ein anderes zu lesen. Das, was ich vielleicht im ersten Viertel an Spannung vermisst habe, kam im Nachhinein als geballte Ladung auf mich herab. Wer keine Angst davor hat, sich elementaren Fragen rund um das Leben, den Tod und die Liebe zu stellen, sollte unbedingt Jonas kennenlernen und ein Stück mit ihm durch die Welt reisen.

1 Kommentar:

  1. Hey :)
    Das klingt wirklich nach einem tollen Buch! Ich glaube ich wäre gar nicht drauf aufmerksam geworden, wenn ich es jetzt hier nicht mal gelesen hätte ♡ vielen Dank dafür :)

    Liebst, Lotta

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