Samstag, 29. März 2014

Rezension / Darauf kannst du dich verlassen! (Ansgar Hörsting)

Aus dem Wunsch heraus, wieder mehr zu christlicher Literatur zu greifen, bin ich auf dieses kleine Büchlein gestoßen. Der Autor Ansgar Hörsting ist Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG), mit dem auch wir uns verbunden fühlen.


In 13 Kapiteln beleuchtet der Autor das Thema "Verheißungen Gottes" (oder auch "Zusagen Gottes"), basierend auf das, was in der Bibel zu finden ist. Welche Verheißungen gibt es im alten und neuen Testament? An wen waren sie zunächst gerichtet? Gelten sie auch noch für uns? Gibt es Bedingungen, die zu beachten sind?


"Wer keine Angst kennt, braucht keinen Mut, um sie zu überwinden."

"Man könnte Jesus so verstehen, als sei Bildung ein echter Nachteil, wenn es darum geht, Gottes Offenbarungen zu empfangen. Und tatsächlich: Wenn Bildung zu Einbildung führt, ist das der Fall. Wenn Bildung jedoch bewirkt, dass ein Mensch demütig wird und sich eingesteht: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (Zitat Sokrates), dann ist Bildung recht verstanden."

 "Differenziert denken - einfach sprechen."


Aus der Fülle der Zitate wird schon klar, dass ich sehr vom Inhalt dieses Buches angetan bin. Es bleibt nicht bei diesen Zitaten: auch der große inhaltliche Kreis, den Hörsting zeichnet, ist angenehm durchdacht und strukturiert.

Zunächst beleuchtet er, wie man sich den entsprechenden Bibelstellen nähern kann und warum es wichtig ist, sie genau zu studieren. Dann kommt die Frage nach dem Adressaten: wer wird hier eigentlich primär angesprochen? Wie war der geschichtliche Kontext? Hörsting erklärt anhand von Beispielen, wann auch wir als 2. Adressaten die Zusagen für uns in Anspruch nehmen können. Im Laufe des Buches ändert der Autor sein Blickfeld: erwartet Gott vielleicht auch was von uns? Am Schluss schwebt aber die gute Botschaft über allem: durch Jesus haben wir eine Zuversicht, die über unser Leben und unseren Verstand hinausgeht. Schon hier auf Erden ist ein vom Geist erfülltes Leben möglich - in guten Zeiten sowie im Leiden.

Sehr gut gefallen haben mir die anschaulichen Beispiele, die schön in die theoretischen Teile eingebettet wurden. Ebenso hauchen die Erfahrungsberichte des Autors, der selbst sehr symphatisch und authentisch wirkt, dem Buch Leben ein.

Hörsting hat bei seinen Recherchen über den Tellerrand geschaut und interessante Ausflüge in die Hirnforschung, die Geschichte (z.B. Reformation), die Psychologie, die Philosophie... unternommen. Wobei zu betonen ist, dass die Erkenntnisse immer wohldosiert und passend erwähnt werden. Zentrales Thema bleibt trotzdem immer das Wort Gottes.

Der Schreibstil hat mich schlichtweg fasziniert. Ansgar Hörsting lebt genau das, was er selbst in seinem Buch empfiehlt: "Denke differenziert - spreche einfach" (In diesem Fall "schreibe einfach"). Er hat das Thema auf diesen 176 Seiten äußerst differenziert und vielseitig erfasst, sich aber gleichzeitig auf die nötigsten Formulierungen beschränkt. Und es blieben weniger als 200 Seiten, obwohl die Theodizee-Frage gestriffen und sehr befriedigend abgehandelt wurde. DAS will was heißen!

Gut hat mir auch gefallen, dass der Autor zum einen absolut nüchtern und rational an das Thema herangeht (was in meinen Augen auch nötig ist), aber auch von tränenreichen Erfahrungen in seinem eigenen Leben berichtet. Der Schreibstil unterstreicht das runde Bild, das er thematisch zeichnet.

Ganz besonders hervorheben möchte ich Hörstings klare und ehrliche Sprache. Manche Christen tendieren dazu, biblischen Wahrheiten, die nicht so angenehm sind, zu beschönigen. Er aber schreibt z.B: "Denn es gibt für jemanden, der nicht Christus gehört, keinen Grund, den Verheißungen zu vertrauen. Er hat keine feste Grundlage." (S. 63). Das klingt zwar hart, ist aber die absolute Wahrheit.

Mein Gesamteindruck ist mehr als positiv!


Dieses Buch ist in erster Linie für Christen geschrieben, die an Gottes größte Zusagenerfüllung, nämlich den Frieden mit ihm selbst durch Jesus Christus, glauben. Es ist der erste Hemdknopf, den es laut Hörsting zu knöpfen gibt.

An dieser Stelle möchte ich dem Autor ein großes Lob aussprechen, weil er es geschafft hat, eine Ausarbeitung zu präsentieren, die sowohl für Theologen als auch für "Nichtstudierte" (wie mich) eine große Bereicherung ist! 5 Sterne für dieses Buch.

Vielen Dank an den Verlag Verlag SCM R. Brockhaus für das Rezensionsexempar!

Dienstag, 25. März 2014

Rezension / Quasikristalle (Eva Menasse)


Immer wieder bin ich in der Buchhandlung um dieses Buch geschlichen. Kein Wunder, bei dem wunderschönen Cover! Da aus dem Klappentext hervorgeht, dass in der Erzählung mit vielen Perspektivenwechseln zu rechnen ist, konnte ich nicht widerstehen...solche Bücher ziehen mich einfach an.


Es ist die Geschichte von Xane Molin - einer in Wien aufgewachsenen, nicht auf den Mund gefallenen Frau. Die dreizehn Kapitel sind chronologisch aufgebaut und beleuchten ihr Leben aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln: aus Sicht ihrer Jugendfreundin Judith, ihres wachsamen Nachbarn, der engagierten Kinderwunschärztin, usw...dabei steht nicht nur Xane im Fokus, sondern auch die Lebenssituation der entsprechenden Erzähler, die entweder nur einen kurzen Lebensabschnitt mit ihr teilen oder sie fast ein Leben lang begleiten. Nebenbei werden auch gesellschaftskritische Themen aufgegriffen, die in Xanes Leben mit hineinspielen.


"Er war einer dieser Menschen, die, kaum wach, schon produktive Unruhe verbreiten."

"Das beste Leben ist das Gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft."

 
Der Inhalt dieses Buches ist gut durchdacht: Insgesamt steht Xane Molin im Zentrum der Erzählung, von Jugend an bis zum Rentenalter, aber sie kämpft sich nicht alleine durchs Leben. Die Welt dreht sich auch für andere weiter. Infwiefern prägen die unterschiedlichen Lebenssituationen der anderen ihr Bild von Xane? In nur einem Kapitel erzählt Xane aus ihrer Sicht, etwa in der Mitte des Buches. Nach und nach fügen sich die Einzelteile des Bildes von Xane zusammen und ergeben für den Leser ein rundes, ganzheitliches Bild, einen Quasikristall sozusagen. Manche Ausführungen und Hintergründe waren mir etwas zu detailiert, wie z.B. das Kapitel aus Sicht von Shanti. Hier war mir der Zusammenhang nicht ganz klar - außer, dass es um die Beleuchtung eines ethisch fragwürdigen Falls geht.

Nebenbei streift die Autorin noch politische Themen: die Nazi-Vergangenheit der Deutschen, den Disput über Extreme bzw. Ideale und wie die österreichische und deutsche Mentalität kollidieren können.

Die Charaktere sind von der Autorin detailgetreu gezeichnet und bleiben auch bis zum Schluss überzeugend. Eva Menasse geht hier quer durch den Gemüsegarten, was die Typen angeht: die pubertierende Jugendliche, die Alleinerziehende am Rande der Gesellschaft, die Karrierefrau, die Mama, der Freiheitskämpfer, das in sich gekehrte Kind, der frustrierte Altenheimbewohner, der Professor, der Spießer, der Künstler....

Am Beispiel Xane wird herausgearbeitet, dass Außen- und Eigenwahrnehmung sich nicht völlig widersprechen müssen, auch wenn jeder Erzähler andere Eigenschaften hervorhebt. Gegenteilige Charaktereigenschaften können zusammen ein großes Ganzes ergeben. Xane wird beispielsweise zum einen als ehrgeizige und korrekte Frau beschrieben - aber an anderen Stellen wird klar, dass auch sie an ihre Grenzen stößt. Auch ehrgeizige Menschen können scheitern und müssen lernen, damit umzugehen.

In Manasses Schreibstil konnte ich so richtig schön "baden" und verweilen: er ist intelligent, häufig metaphorisch ("Inzwischen nimmt die Vor-Mor-Zeit nämlich wieder ein bisschen Farbe an, als ob sich ihre Wangen röteten. Manchmal wirkt sie beinahe wieder interessant, wie ein staubiges, leicht anrüchiges Kostüm, das man zum Spaß nochmal anprobieren könnte.") und trotz allem humorvoll und kurzweilig. Auffällig ist, dass die Autorin bei den Dialogen auf Absätze und Anführungszeichen verzichtet, was etwas mehr Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert. Anfangs hat mich das irritiert, aber als mir dieses Stilmittels bewusst wurde, ging es schlagartig besser.

Obwohl Wien und Berlin Schauplätze sind, verzichtet die Autorin auf übertriebene Mundart und lässt nur hier und da spezifische Begriffe fallen, die auch ein Hochdeutscher verstehen würde.

Das Buch ist in sich schlüssig: alle Kapitel sind sowohl zeitlich als auch inhaltlich gut aufeinander abgestimmt, was für eine gute Planung spricht.

Insgesamt bin ich ziemlich fasziniert von diesem Roman, der zwar einerseits das Leben einer "normalen" Frau beschreibt (in deren Leben objektiv gesehen nicht allzu viel schief läuft), aber andererseits viel Spannung durch zwischenmenschliche Konflikte und ethische Fragen mit sich bringt.


"Quasikristalle" ist ein echter Lesegenuss. Der Roman fordert den Leser und unterhält ihn zugleich. Er ist vor allem facettenreich. Aufgrund der vielen Erzählperspektiven hat der Leser die Möglichkeit, sich mit einem Typus Mensch zu "verbünden".

Mittwoch, 19. März 2014

Rezension / Wohin der Wind uns weht (João Ricardo Pedro)

Bei der Durchsicht der Neuerscheinungen "März 2014" ist mir dieses Buch zum ersten Mal aufgefallen - und prompt gab es eine Leserunde bei Lovelybooks.
Ich habe ein ernsthaftes, zum Nachdenken anregendes Buch erwartet, das auch ein bisschen was zur Geschichte Portugals erzählt.


In diesem Familienepos spielt der junge Portugiese Duarte Mendes, der die dritte Generation verkörpert, die Hauptrolle.

Gleichwohl prägen ihn sein Vater António und sein Großvater Augusto, die beide ihr Päckchen zu tragen haben: sein Vater kommt nicht über Erlebnisse des portugiesischen Kolonialkriegs in Angola hinweg und lässt die Familie das deutlich spüren. Der Großvater Augusto führt ein zurückgezogenes Leben als Landarzt und die Briefe seines Freundes Policarpo, der ihm aus aller Welt berichtet, scheinen die einzigen Lichtblicke zu sein.

Und so kämpft Duarte mit den familiären Widrigkeiten, aber auch mit dem Leid, das ihm in seinem nahen Umfeld begegnet - fernab der politischen Ereignisse des Landes.
Seine musikalische Begabung, die er zeitweise als Pianist auslebt, stellt sich im Laufe der Geschichte eine weitere Last für ihn dar. Die Epoche der Romantik bewegt ihn zutiefst, ohne dass er es einordnen kann. Somit wendet er sich instinktiv dem Barock zu - der Epoche, die thematisch den Tod im Zentrum hat.
Im Laufe der Geschichte lernt er Luísa kennen, die scheinbar der einzige Fixpunkt in seinem Leben bleibt und ihm Halt schenkt.

"Der Arzt fragte ihn, warum er angefangen habe, Klavier zu spielen. Duarte sagte: Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände."


Das Buch ist sehr ungewöhnlich aufgebaut: wir haben es nicht mit einer einzigen Geschichte zu tun, sondern werden mit einzelnen Sequenzen aus der Familiengeschichte der Mendes konfrontiert. Desweiteren tragen auch die Schicksale einzelner Menschen aus Duartes Umfeld zur allgemeinen Stimmung und seiner Entwicklung bei. Es war also kein Leichtes, den Inhalt als Ganzes zu erfassen, was teilweise auch an Zeitsprüngen und dem Wechsel zwischen den einzelnen Schicksalen lag.

Der Epos umspannt mehrere Jahrzehnte und deutet hier und da politische Ereignisse in Portugal an - wobei die Familientragödie der Mendes im Vordergrund bleibt. Meines Erachtens versucht der Autor zu verdeutlichen, dass auch Bevölkerungsgruppen, die fernab des politischen Geschehens leben und arbeiten, eigenen Kriege ausfechten müssen. Das wird deutlich an dem Kapitel "Holocaust" - dieser feststehende Begriff wird oft mit dem 3. Reich in Verbindung gebracht. Hier aber geht es einfach nur um den griechischen Ursprung des Wortes, nämlich "vollständig verbrannt".

Der Autor verschont seine Leser jedenfalls nicht und schockiert mit vulgären Ausdrücken und brutalen Szenen. Normalerweise bin ich dafür empfänglich - denn das Leben ist nunmal kein Ponyhof - aber an drei Stellen wurde es mir dann doch zu geschmacklos.

Für mich war dieses Buch ein reiner Stimmungsträger bzw. hatte gute philosophische und psychologische Ansätze. Zu den Protagonisten konnte ich allerdings keine Nähe aufbauen. Die Ausführung negativer Charaktereigenschaften war dominant und die Passagen, in denen die Charaktere in ein gutes Licht gerückt wurden, fielen eher karg und emotionslos aus.

Am besten hat mir der Schreibstil gefallen, der sehr besitzergreifend und experimentell war. Der Autor wechselt zwischen wortgewaltigen Schachtelsätzen und kurzen, prägnanten Aussagen. Ebenso gibt es starke Wechsel zwischen kargen, informationsarmen Szenen einerseits und Endlosaneinanderreihungen von Alltagstätigkeiten andererseits. Mir hat dieses "Spielen" mit der Sprache also sehr gut gefallen. Es gibt sicher noch weitere Stilmittel, die ein geübter Literaturkenner entdecken würde.

Es fällt mir sehr schwer, die Schlüssigkeit zu beurteilen, denn offensichtlich haben wir es mit einem offenen Ende zu tun. Einige Punkte wurden auch bis zum Ende hin nicht zu Genüge aufgeklärt, was mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat.

Mein Gesamteindruck ist sehr durchwachsen. Die Idee und technische Ausführung haben mir gut gefallen, aber inhaltlich konnte mich das Buch nicht überzeugen.


Wer gerne anspruchsvolle Bücher mit viel Interpretationsspielraum liest, kann diesem Buch sicher etwas abgewinnen. Die Grundstimmung des Buches ist düster und beklemmend, was starke Nerven erfordert.
Meine Meinung zu diesem Buch ist jedenfalls genauso zwiegespalten wie Duartes Einstellung zur Musik...