Dienstag, 25. März 2014

Rezension / Quasikristalle (Eva Menasse)


Immer wieder bin ich in der Buchhandlung um dieses Buch geschlichen. Kein Wunder, bei dem wunderschönen Cover! Da aus dem Klappentext hervorgeht, dass in der Erzählung mit vielen Perspektivenwechseln zu rechnen ist, konnte ich nicht widerstehen...solche Bücher ziehen mich einfach an.


Es ist die Geschichte von Xane Molin - einer in Wien aufgewachsenen, nicht auf den Mund gefallenen Frau. Die dreizehn Kapitel sind chronologisch aufgebaut und beleuchten ihr Leben aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln: aus Sicht ihrer Jugendfreundin Judith, ihres wachsamen Nachbarn, der engagierten Kinderwunschärztin, usw...dabei steht nicht nur Xane im Fokus, sondern auch die Lebenssituation der entsprechenden Erzähler, die entweder nur einen kurzen Lebensabschnitt mit ihr teilen oder sie fast ein Leben lang begleiten. Nebenbei werden auch gesellschaftskritische Themen aufgegriffen, die in Xanes Leben mit hineinspielen.


"Er war einer dieser Menschen, die, kaum wach, schon produktive Unruhe verbreiten."

"Das beste Leben ist das Gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft."

 
Der Inhalt dieses Buches ist gut durchdacht: Insgesamt steht Xane Molin im Zentrum der Erzählung, von Jugend an bis zum Rentenalter, aber sie kämpft sich nicht alleine durchs Leben. Die Welt dreht sich auch für andere weiter. Infwiefern prägen die unterschiedlichen Lebenssituationen der anderen ihr Bild von Xane? In nur einem Kapitel erzählt Xane aus ihrer Sicht, etwa in der Mitte des Buches. Nach und nach fügen sich die Einzelteile des Bildes von Xane zusammen und ergeben für den Leser ein rundes, ganzheitliches Bild, einen Quasikristall sozusagen. Manche Ausführungen und Hintergründe waren mir etwas zu detailiert, wie z.B. das Kapitel aus Sicht von Shanti. Hier war mir der Zusammenhang nicht ganz klar - außer, dass es um die Beleuchtung eines ethisch fragwürdigen Falls geht.

Nebenbei streift die Autorin noch politische Themen: die Nazi-Vergangenheit der Deutschen, den Disput über Extreme bzw. Ideale und wie die österreichische und deutsche Mentalität kollidieren können.

Die Charaktere sind von der Autorin detailgetreu gezeichnet und bleiben auch bis zum Schluss überzeugend. Eva Menasse geht hier quer durch den Gemüsegarten, was die Typen angeht: die pubertierende Jugendliche, die Alleinerziehende am Rande der Gesellschaft, die Karrierefrau, die Mama, der Freiheitskämpfer, das in sich gekehrte Kind, der frustrierte Altenheimbewohner, der Professor, der Spießer, der Künstler....

Am Beispiel Xane wird herausgearbeitet, dass Außen- und Eigenwahrnehmung sich nicht völlig widersprechen müssen, auch wenn jeder Erzähler andere Eigenschaften hervorhebt. Gegenteilige Charaktereigenschaften können zusammen ein großes Ganzes ergeben. Xane wird beispielsweise zum einen als ehrgeizige und korrekte Frau beschrieben - aber an anderen Stellen wird klar, dass auch sie an ihre Grenzen stößt. Auch ehrgeizige Menschen können scheitern und müssen lernen, damit umzugehen.

In Manasses Schreibstil konnte ich so richtig schön "baden" und verweilen: er ist intelligent, häufig metaphorisch ("Inzwischen nimmt die Vor-Mor-Zeit nämlich wieder ein bisschen Farbe an, als ob sich ihre Wangen röteten. Manchmal wirkt sie beinahe wieder interessant, wie ein staubiges, leicht anrüchiges Kostüm, das man zum Spaß nochmal anprobieren könnte.") und trotz allem humorvoll und kurzweilig. Auffällig ist, dass die Autorin bei den Dialogen auf Absätze und Anführungszeichen verzichtet, was etwas mehr Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert. Anfangs hat mich das irritiert, aber als mir dieses Stilmittels bewusst wurde, ging es schlagartig besser.

Obwohl Wien und Berlin Schauplätze sind, verzichtet die Autorin auf übertriebene Mundart und lässt nur hier und da spezifische Begriffe fallen, die auch ein Hochdeutscher verstehen würde.

Das Buch ist in sich schlüssig: alle Kapitel sind sowohl zeitlich als auch inhaltlich gut aufeinander abgestimmt, was für eine gute Planung spricht.

Insgesamt bin ich ziemlich fasziniert von diesem Roman, der zwar einerseits das Leben einer "normalen" Frau beschreibt (in deren Leben objektiv gesehen nicht allzu viel schief läuft), aber andererseits viel Spannung durch zwischenmenschliche Konflikte und ethische Fragen mit sich bringt.


"Quasikristalle" ist ein echter Lesegenuss. Der Roman fordert den Leser und unterhält ihn zugleich. Er ist vor allem facettenreich. Aufgrund der vielen Erzählperspektiven hat der Leser die Möglichkeit, sich mit einem Typus Mensch zu "verbünden".

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    das Buch befindet sich noch auf meinem Kindle, vielleicht sollte ich den mal heraus kramen und bald das Buch beginnen. Wären da nicht noch die zig anderen Bücher, die auf ihre Lesezeit warten! Man, das reale Leben kommt einem gerne mal dazwischen ;) Deine Rezension macht aber definitiv Lust, mehr über Xane und ihr Leben zu erfahren.

    Liebe Grüße,
    Fraencis

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