Mittwoch, 19. März 2014

Rezension / Wohin der Wind uns weht (João Ricardo Pedro)

Bei der Durchsicht der Neuerscheinungen "März 2014" ist mir dieses Buch zum ersten Mal aufgefallen - und prompt gab es eine Leserunde bei Lovelybooks.
Ich habe ein ernsthaftes, zum Nachdenken anregendes Buch erwartet, das auch ein bisschen was zur Geschichte Portugals erzählt.


In diesem Familienepos spielt der junge Portugiese Duarte Mendes, der die dritte Generation verkörpert, die Hauptrolle.

Gleichwohl prägen ihn sein Vater António und sein Großvater Augusto, die beide ihr Päckchen zu tragen haben: sein Vater kommt nicht über Erlebnisse des portugiesischen Kolonialkriegs in Angola hinweg und lässt die Familie das deutlich spüren. Der Großvater Augusto führt ein zurückgezogenes Leben als Landarzt und die Briefe seines Freundes Policarpo, der ihm aus aller Welt berichtet, scheinen die einzigen Lichtblicke zu sein.

Und so kämpft Duarte mit den familiären Widrigkeiten, aber auch mit dem Leid, das ihm in seinem nahen Umfeld begegnet - fernab der politischen Ereignisse des Landes.
Seine musikalische Begabung, die er zeitweise als Pianist auslebt, stellt sich im Laufe der Geschichte eine weitere Last für ihn dar. Die Epoche der Romantik bewegt ihn zutiefst, ohne dass er es einordnen kann. Somit wendet er sich instinktiv dem Barock zu - der Epoche, die thematisch den Tod im Zentrum hat.
Im Laufe der Geschichte lernt er Luísa kennen, die scheinbar der einzige Fixpunkt in seinem Leben bleibt und ihm Halt schenkt.

"Der Arzt fragte ihn, warum er angefangen habe, Klavier zu spielen. Duarte sagte: Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände."


Das Buch ist sehr ungewöhnlich aufgebaut: wir haben es nicht mit einer einzigen Geschichte zu tun, sondern werden mit einzelnen Sequenzen aus der Familiengeschichte der Mendes konfrontiert. Desweiteren tragen auch die Schicksale einzelner Menschen aus Duartes Umfeld zur allgemeinen Stimmung und seiner Entwicklung bei. Es war also kein Leichtes, den Inhalt als Ganzes zu erfassen, was teilweise auch an Zeitsprüngen und dem Wechsel zwischen den einzelnen Schicksalen lag.

Der Epos umspannt mehrere Jahrzehnte und deutet hier und da politische Ereignisse in Portugal an - wobei die Familientragödie der Mendes im Vordergrund bleibt. Meines Erachtens versucht der Autor zu verdeutlichen, dass auch Bevölkerungsgruppen, die fernab des politischen Geschehens leben und arbeiten, eigenen Kriege ausfechten müssen. Das wird deutlich an dem Kapitel "Holocaust" - dieser feststehende Begriff wird oft mit dem 3. Reich in Verbindung gebracht. Hier aber geht es einfach nur um den griechischen Ursprung des Wortes, nämlich "vollständig verbrannt".

Der Autor verschont seine Leser jedenfalls nicht und schockiert mit vulgären Ausdrücken und brutalen Szenen. Normalerweise bin ich dafür empfänglich - denn das Leben ist nunmal kein Ponyhof - aber an drei Stellen wurde es mir dann doch zu geschmacklos.

Für mich war dieses Buch ein reiner Stimmungsträger bzw. hatte gute philosophische und psychologische Ansätze. Zu den Protagonisten konnte ich allerdings keine Nähe aufbauen. Die Ausführung negativer Charaktereigenschaften war dominant und die Passagen, in denen die Charaktere in ein gutes Licht gerückt wurden, fielen eher karg und emotionslos aus.

Am besten hat mir der Schreibstil gefallen, der sehr besitzergreifend und experimentell war. Der Autor wechselt zwischen wortgewaltigen Schachtelsätzen und kurzen, prägnanten Aussagen. Ebenso gibt es starke Wechsel zwischen kargen, informationsarmen Szenen einerseits und Endlosaneinanderreihungen von Alltagstätigkeiten andererseits. Mir hat dieses "Spielen" mit der Sprache also sehr gut gefallen. Es gibt sicher noch weitere Stilmittel, die ein geübter Literaturkenner entdecken würde.

Es fällt mir sehr schwer, die Schlüssigkeit zu beurteilen, denn offensichtlich haben wir es mit einem offenen Ende zu tun. Einige Punkte wurden auch bis zum Ende hin nicht zu Genüge aufgeklärt, was mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat.

Mein Gesamteindruck ist sehr durchwachsen. Die Idee und technische Ausführung haben mir gut gefallen, aber inhaltlich konnte mich das Buch nicht überzeugen.


Wer gerne anspruchsvolle Bücher mit viel Interpretationsspielraum liest, kann diesem Buch sicher etwas abgewinnen. Die Grundstimmung des Buches ist düster und beklemmend, was starke Nerven erfordert.
Meine Meinung zu diesem Buch ist jedenfalls genauso zwiegespalten wie Duartes Einstellung zur Musik...

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    das Buch hätte mich von vorne herein nicht angesprochen, und nun - nach deiner Rezension - fühle ich mich darin bestärkt, dass Buch nicht lesen zu wollen.

    Liebe Grüße,
    Fraencis

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