Dienstag, 29. April 2014

Rezension / Mein Jahr als biblische Frau (Rachel Held Evans)

Sowohl der Titel als auch das Cover trafen spontan einen Nerv bei mir.
Mir kamen positive und negative Assoziationen in den Sinn. In Bezug auf die Rolle der Frau befinden sich Christen bekanntermaßen schon lange im Konflikt und ich wollte unbedingt wissen, welches Fazit Rachel Held Evans aus ihrem Experiment gezogen hat.


Rachel Held Evans nimmt die Bibel in Bezug auf ihr Frausein ein Jahr lang beim Wort. Jeden Monat setzt sie mit einer anderen weiblichen "Tugend" einen Schwerpunkt, z.B. Sanftmut, Häuslichkeit, Gehorsam, Reinheit...Dabei steckt sie sich auch konkrete Monatsziele. Parallel werden immer wieder Tagebucheinträge ihres Mannes Dan eingestreut, der von seinen Eindrücken zum Projekt berichtet.

"Nach zwölf Monaten biblischen Frauseins gelangte ich zu einem eigenwilligen Schluss: So etwas wie "biblisches Frausein" gibt es gar nicht."


Nachdem ich das Buch mit einem fahlen Beigeschmack zur Seite gelegt habe, weiß ich gar nicht so recht, wie ich in meine Rezension einsteigen soll. 

Die Autorin lässt bereits im Vorwort diesen absonderlichen Satz fallen: "Wie sich herausstellte, gibt es Verlage, die einen sogar noch für solche verrückten Ideen bezahlen! Am 1. Oktober 2010 gelobte ich also, mit Unterstützung von Dan und einem unerschrockenen Team von Verlagsprofis, ein Jahr meines Lebens damit zu verbringen, wahres biblisches Frausein anzustreben." 
Hier schlich sich bei mir zum ersten Mal der Gedanke ein, dass die Autorin das Experiment hauptsächlich dazu durchführt, um Material für ihren Blog und das geplante Buch zu sammeln.
Desweiteren betont sie, dass sie in einem konservativ evangelikalen Umfeld groß geworden und deshalb (in Bezug auf das Rollenbild von Mann und Frau) stark vorgeprägt ist. Als mir im Verlauf des Buches dann bewusst wurde, dass sie die eigens auferlegten Aufgaben nicht wirklich ernst nimmt und vieles durch den Kakao zieht, fühlte sich das Buch plötzlich wie ein Rundumschlag gegen alle ihre konservativen Geschwistern an. Trotz der vielen kritischen Kommentare auf ihrem Blog, die sie auch in ihrem Buch erwähnt, lässt sie sich aber nicht beirren (was sie vielleicht hätte tun sollen...)

Es ist schwer zu fassen, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Eines ist jedenfalls klar: Rachel bürdet sich eine Menge Mist auf. Sie zeltet während ihrer Periode drei Tage im Garten, setzt sich zur Buße aufs Hausdach, besucht einen Benimmkurs, quält sich mit Handarbeit, kümmert sich drei Tage lang um ein Simulationsbaby, läuft in Leinenrock und Kopfbedeckung herum, beschäftigt sich mit jüdischen Reinheitsgeboten, u.s.w. - bis zum Schluss wird nicht klar, wohin das führen soll. Ich finde es ja schön, dass sie sich auf die Spuren alttestamentlicher Frauen begeben und sich kritisch mit den Paulusbriefen auseinandergesetzt hat, aber ihre Art, die Ergebnisse zu präsentieren, hatte wenig mit Respekt zu tun.
Man lernt in diesem Buch vor allem Rachel selbst kennen. Sie erzählt von ihrer wilden Entschlossenheit und hebt gerne ihre Stärken hervor. Wie verrückt man doch sein muss, um so ein Experiment durchzuziehen usw...Weiter erfahren wir, dass ihr Mann Dan ein angepasster und geduldiger Zeitgenosse ist, der sie bei ihrem Projekt vorbildlich unterstützt. Im Monat "Schönheit" (Sexualität) stellt Rachel klar, dass sie ein sehr zufriedenstellendes Sexleben hat und ihr Mann und sie auch sonst ein gutes Team sind. Und dass Babys völlig überschätzt werden. Wenn es um ihre Schwächen geht, werden diese humorvoll übergangen. Die Selbst-Beweihräucherung nimmt kein Ende...für mich stellt sich da die Frage: für wen wurde das Buch eigentlich geschrieben? Wer hat etwas davon, dass sie ein Passahfest feiert und ungesäuertes Brot isst, obwohl sie überzeugte Christin ist? Wem will sie damit etwas demonstrieren?

In einem gebe ich der Autorin recht: man kann die Bibel nicht immer 1:1 auf heute übertragen und trotzdem missbrauchen viele Christen Gottes Wort für ihre eigenen Zwecke - in diesem Fall machtgierige Männer. 
Aber so wie sich solche Männer bestimmte Bibelverse herauspicken, pickt sich auch Rachel "ihre" Verse heraus und reißt sie mächtig aus dem Kontext. An einer Stelle bezieht sie sich sogar auf eine Passage, deren Auslegung/ Übersetzung nicht ganz eindeutig ist (Richter 11, 30-40) und säht Zweifel in Bezug auf die Souveränität Gottes. Das ging mir einfach zu weit.

Insgesamt hatte ich mehr Erwartungen an den Inhalt. Ihrer Erkenntnis, dass es "biblisches Frausein" an sich nicht gibt, kann ich zustimmen. Alle guten Tugenden, die man vorrangig von Frauen erwartet, sollten genauso von Männern praktiziert werden. Gott schenkt jedem einzelnen die Weisheit, den für sich bestimmten Platz zu finden und von dort aus seine Aufgaben mit Liebe zu Gott und den Menschen ausführen zu können. Von daher kann ich ihre Hauptaussage sehr gut verstehen. Aber das Drumherum war völlig unnötig und viel zu ausschweifend.

Sie streift am Rande noch die Themen Fair Trade / Wohlfahrt und macht auf das Leid von Frauen auf der ganzen Welt aufmerksam. Es ist gut und wichtig, sich darüber Gedanken zu machen - aber ich erachte sowas als selbstverständlich. Das Leid solcher Frauen hat, ganz nebenbei, nicht immer mit Glaubensmissbrauch zu tun, sondern gründet auch oft auf rein kulturellen und politischen Gepflogenheiten. Es gibt auch genügend "Chauvis", die sich nicht als Christ oder Moslem betiteln.

Ich finde es schön, dass die Autorin nochmal eine Art Rückblick auf ihr Jahr macht, aber die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mir total aus dem Zusammenhang gerissen... es geht um Gerechtigkeit im Allgemeinen, den Schutz von Frauen in aller Welt, Mut zum Muttersein, jede Woche neue Rezepte ausprobieren...das kommt mir alles ziemlich albern vor. Ihre Vorsätze in Ehren, aber mir erschließt sich kein Zusammenhang zum Projekt.
Der Schreibstil ist insgesamt bissig, herablassend und provokant, aber nicht auf eine gute, sondern auf eine gehässige Art. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Autorin ihr Projekt um jeden Preis rechtfertigen will - was mir zeigt, wie unsicher sie letztendlich war.


Das Projekt scheint vor allem der Autorin selbst geholfen zu haben - sowohl finanziell als auch persönlich. Vielleicht konnte sie dadurch ein Trauma überwinden, wer weiß. Mir hätte aber nichts gefehlt, wenn sie dieses Experiment in aller Abgeschiedenheit durchgeführt hätte und kein Buch daraus entstanden wäre...

1 Kommentar:

  1. Ich gebe Carigos in allen Punkten recht!
    Meine Enttäuschung war sehr groß was den Inhalt dieses Buches betrifft.
    In der Zusammenfassung stand das Rachel tief zum Kern biblischer Aussagen vordringt und überraschend Zeitloses entdeckt.
    Grade dieser Satz machte mich aufmerksam auf dieses Buch.
    Ich habe vorausgesetzt das in diesem Buch eine "moderne Frau" durch näheres studieren der Bibelabschnitte für" Frauen"
    geistlich reift und ihre Erfahrungen teilt wie man noch besser das erfüllen kann was für uns Frauen in der Bibel hinterlassen worden ist.
    Leider ist in diesem Buch überhaupt keine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes zu entdecken.
    Eigentlich sehr schade...

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